Auf, du junger Wandersmann

Foto: Christina Meislahn

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Sie sind mir schon immer aufgefallen, diese mitunter etwas altertümlich gekleideten Menschen und ich habe mich oft gefragt, was für ein Brauch wohl dahinter steckt. Auch Carl Haustein, den ich durch eine Bekannte meiner Mutter kennen lernte, trägt schwarze Cordhose und Weste, weißes Hemd und einen großen Hut. Nicht gerade das aktuelle Outfit für einen 25-Jährigen und ich dachte, dass dies wohl eine gute Gelegenheit wäre, meine vielen Fragen beantworten zu lassen. Gern erklärte sich Carl dazu bereit.

So erfuhr ich, dass Carl nach dem Abitur und einigen Semestern Studium eine Zimmermannslehre in Erfurt absolviert hat. Er sagte: ,,So wirklich glücklich war ich mit meinem Studium nicht und ich suchte nach Alternativen. Ich glaubte, dass mir ein Handwerksberuf gefallen könnte und arbeitete eine Woche auf Probe in einer Zimmerei. Das hat mir so gut gefallen, dass ich dort eine Lehre begann und ich habe diesen Schritt bis heute nicht bereut.“ Nun ist er Geselle und wird bald auf die Walz, so nennt man die Wanderschaft in Handwerkerkreisen, gehen. Früher taten das die meisten Gesellen, denn nur so konnte man viel Wissen und Können in seinem Beruf erwerben. Jeder Meister, bei dem man Arbeit fand, lehrte etwas Neues. Bücher waren teuer und selten, Internet gab es nicht.

Heute pflegen diesen Brauch nur noch wenige Gesellen, denn so ganz einfach ist eine Wanderschaft nicht. Man muss jünger als 30 Jahre, ledig, kinderlos und schuldenfrei sein. Außerdem muss man sich für drei Jahre und einen Tag von Heimatort, Familie und Freunden fern halten. Ein wandernder Geselle reist mit leichtem Gepäck. Nur das Allernotwendigste wird mitgenommen, die Kluft, die Handwerksrolle, den Stenz und ein oder zwei Charlies. Ich sah Carl etwas verblüfft an: „Was ist denn das für eine Sprache? Stenz? Charlies?“ Er erklärte mir: „Wandergesellen haben eine eigene Sprache, die nicht jeder versteht. Ein Stenz ist ein Wanderstock und Charlie ist die Abkürzung für Charlottenburger. Das ist ein Tuch mit Zunftmotiven, in das persönliche Gegenstände gewickelt werden. Vieles über diese Geheimsprache kann man im Internet nachlesen, manche Dinge bleiben aber geheim und die darf ich leider auch nicht verraten.

Foto: Christina Meislahn

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Auch die Kluft, wie die Zimmermannsbekeidung genannt wird, hat eine besondere Bedeutung. Sie ist nicht nur Aushängeschild und Werbung für das Handwerk, sondern repräsentiert die Zunft. Das Tragen der Kluft heißt für mich immer höflich, hilfsbereit und ordentlich aufzutreten, um der Zunft keine Schande zu machen. Das klingt für mich vernünftig und darum lasse ich mich auch gern darauf ein. Einige Teile der Kluft haben aber auch ganz praktische Bedeutung. Der Schlag in der Hose ist ein Schutz gegen Späne in den Schuhen. Und der goldene Ohrring sollte früher den Gesellen ein ordentliches Begräbnis ermöglichen, falls ihnen auf der Wanderschaft etwas zustößt. Übrigens, der Ohrring wurde einem Gesellen, wenn er sich unehrenhaft verhalten hatte, aus dem Ohr gerissen. Damit gehörte er nicht mehr zur Zunft und daher kommt auch der Begriff Schlitzohr.

Handy? Tablet? Fehlanzeige. Die sind nicht im Gepäck. Kontakt zur Familie kann man aber zum Beispiel über ein Internet-Cafe aufnehmen oder wenn man ein Handy geliehen bekommt. Oder per Post. Eben auch ganz altmodisch. Spricht man bei einem Meister vor und bekommt Arbeit, sind Verpflegung und Unterkunft oft gesichert.

Im Gegensatz zu früher bekommt man auch Lohn. Den braucht Carl auch, denn sein Weg soll ihn nicht nur durch Deutschland führen. Er sagte: „Man hat natürlich Vorstellungen, wohin die Reise gehen soll. Neuseeland wäre ein gutes Ziel und nach Indien wollte ich schon lange mal. Meine Schwester in Japan würde ich auch gern besuchen. Zu solchen Fernzielen muss und darf man natürlich mit dem Flugzeug reisen. Ein eigenes Fahrzeug dagegen darf man nicht besitzen. Also heißt es , per Anhalter oder auf Schusters Rappen die Welt erobern. Aber am Anfang lautet meine Devise: Der Nase nach.“

Seine Wanderschaft wird im März beginnen. Begleitet wird er von einem Altgesellen, der ihm über einige Zeit mit Rat und Tat zur Seite steht und ihn in Sitten und Gebräuche einführt. Danach wird er allein weiterziehen müssen.

Ich bedanke mich bei Carl und wünsche ihm für die Walz alles Gute und viel Glück. Vielleicht wird er mir ja in 3 Jahren und einem Tag etwas über seine Erlebnisse erzählen. Das fände ich toll.

Von Julia Balev, Klasse 8b, Kätze-Kollwitz-Gymnasium Halberstadt