Zum Inhalt springen

Tourenreich, Ihre Idee zum Durchbruch.  „In einer Sommernacht mit Freunden im Garten“- Da kam C. Niebergall die Idee, ein Unternehmen zu gründen. Ein Interview von Jeremy Schröder mit der Unternehmerin Carmen Niebergall.

Eine Möglichkeit nach Sachsen-Anhalt zu kommen, das sollte es sein, denn vor 18 Jahren, so viele Jahre hat ihr Unternehmen Tourenreich schon auf dem Buckel, „sah das alles noch anders aus, da sind noch nicht so viele gekommen“, so Carmen. Mit ihrem Mann als Architekt wurde klar, Architektur- und Kunstreisen – die Idee für das Unternehmen war geschaffen.

Was muss man mitbringen, um erfolgreich zu gründen?
Ganz wichtig ist: „abschalten können“, dabei sein, Umsetzungswillen zeigen, Offenheit für neue Projekte, neue Menschen, „das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden können“. Man muss sich aber auch einen ‚Businessplan’ erstellen, um mit seinem Geld zurecht zu kommen und „um zu wissen, was kann ich wie einsetzen, […] man muss ein wenig finanziellen Sachverstand haben, denn sonst verrennt man sich“. Außerdem muss man gut vernetzt sein: „immer wieder diese Kontakte zu haben“, dabei muss man jedoch wieder bedenken, dass Netzwerken „wahnsinnig anstrengend“ ist. „Man muss immer am Ball bleiben und dann noch die Zeit haben zu arbeiten, also zu schreiben und der- gleichen, […] das muss alles getan werden“. Man braucht genauso ein ‚Alleinstellungsmerkmal‘, um Konkurrenz zu vermeiden. „Das hatte ich bis vor 5-6 Jahren noch nicht“, sagt sie. „Dafür ist auch sicherlich Kreativität gefordert.“

Die harten Anfänge
Mit Angeboten experimentieren war ihre Devise: „Wir mussten uns mit ganz einfachen Mitteln ausprobieren“. Danach folgte die erste Webseite im Internet und so nahm alles seinen Lauf. Da man ein Unternehmen, was noch in den Kinderschuhen steht, selten komplett alleine stemmen kann, bekam sie Hilfe von außen. Das waren vor allem die Architektenkammer sowie die Rechtsanwaltskammer und andere, die sich für sie interessierten. Am Anfang war auch nicht alles wie heute. Zum Beispiel hätte C. Niebergall niemals gedacht, einmal die komplette Führungsposition zu übernehmen, sondern sah sich vielmehr als ‚Vermittlerin‘. „Das hat sich aber dann schnell geändert“, sagte sie im Interview. Vor allem ist Geld für sie mit das Wichtigste, das war ihr von Anfang an klar. Trotzdem nimmt sie heute mit Freude an sehr vielen Ehrenamtlichen Aktionen teil.

An Kunden kommen – Eine Schwierigkeit, die nicht jeder packt
Vor allem durch die Internetseite, „die ich auch selber pflege, und ständig aktualisiere“, aber auch durch Flyer, ihren Newsletter, den sie regelmäßig an etwa 1500 Menschen sendet. „Ich informiere viel über Neues“. Sie arbeitet auch eng mit den Medien (Printmedien, Broschüren, andere Internetseiten, Xing, Facebook, internes Empfehlungsmarketing, IHK-Magdeburg, -Halle-Dessau), als auch mit der Wirtschaftsakademie Magdeburg zusammen. Wichtig sei auch „die Personifizierung seines Unternehmens, […] man muss hinter seinem Unternehmen stehen“. Vor einigen Jahren gründete sie ein sogenanntes Frauenfrühstück, welches sich „einmal im Quartal“ trifft, um sich gegenseitig Ratschläge zu geben.

Frau Niebergall, Emma Gravert und Jeremy Schröder am Einstein-E. Foto: M. Nierle

Braucht man zwingend angestellte helfende Hände?
Mitarbeiter hat sie nicht, das war auch seit der Idee ihr Plan. „Ich kaufe mir zu“, sagt sie zu dem Thema, „zum Flyerherstellen bzw. -drucken oder auch als Mitkommende bei den Touren, […] wie zum Beispiel den Friedhofs- oder Legendentouren, denn das sind so umfangreiche Führungen, dass ich das nicht alleine bewältigen kann“. Das sind etwa 40-50 Leute in ganz Sachsen-Anhalt. „Die kann ich anrufen, wenn ich mal etwas habe.“ Außerdem habe sie auch schon negative Erfahrungen gemacht, dass dann eben etwas nicht so umgesetzt wurde, wie sie es sich vorgestellt hat, sodass sie es wieder „ausräumen“ musste.

Der Alltag einer selbstständigen Unternehmerin
Zum einen viel Spazieren gehen, „um Kleinigkeiten zu entdecken, da kommen meistens neue Ideen bei raus“. „Man muss kleine Ecken kennenlernen, die andere vielleicht noch nicht kennen“, Computerarbeiten für Webseite, Marketing, etc., zum Anderen aber auch Prozessbegleitung, Lesungen und Moderationen, das hat sie aber schon vor tourenreich gemacht. Damals, in der Anfangsphase, ging sie noch jeden Tag raus, um Inspirationen zu sammeln, „ihre Nase zu zeigen“, um Flyer zu verteilen. Dies tut sie nun aus zeitlichen und altersbedingten Gründen aber ‚nur noch’ einige Male in der Woche. Sie arbeitet viel zu Hause: „Ich wollte kein Reisebüro sein“. Zusätzlich ist sie Mitglied an über 20 Vereinen, zahlt Jahresbeiträge, ist Sponsor von Schulen, unter anderem des Albert-Einstein-Gymnasiums. Die Vereine arbeiten auch mit ihr, helfen ihr, es beruht also alles auf Gegenseitigkeit. Auch die Finanzen macht sie komplett alleine, „ich weiß immer genau, wo mein Unternehmen finanziell steht“.

Ihr neues Modell – Friedhofstouren
Was andere im ersten Moment vielleicht nicht verstehen macht sie mit ihren Touren klar. Viel Arbeit hat sie hier reingesteckt, ‚Tag und Nacht‘ war sie dort – auf dem Westfriedhof Magdeburgs, zu den verschiedensten Zeiten. Warum? Sie wollte wissen, wie wirkt der Friedhof? Was sind seine Nischen? „Einfach, um ein Gefühl zu bekommen, wie ist er morgens um sieben? Wie ist er abends um neun? Wie ist er Sonntag-Mittag? Ich möchte Ecken sehen, die ich dann den Gästen zeigen kann, an denen sie 100 Mal vorbei gelaufen sind, aber nie gesehen haben.“

Kunst- und Kulturreisen
Darunter versteht sie unter anderem Häuser, Gebäude, Plätze mit bebautem Umfeld, sowie Parkanlagen. „Es ist dieses Alte, aber auch das Neue, was in den letzten 30 Jahren geschaffen wurden ist.“ Sie sagt, sie sei auch sehr vom Bauhausgedanken geprägt. Bei ihren Touren sucht sie immer nach einem Highlight. Das kann eine Kirche, aber auch ein Kunstwerk sein. Ihre Touren selbst macht sie meist mit dem Fahrrad, dabei hat sie ein Mikrofon, die Gäste einen ‚Knopf‘ im Ohr. „So kommuniziere ich mit meinen Gästen in natura […] und bin mit ihnen verbunden“. Dieses außerordentlich praktische System nennt sich Travelguide und wird von der Firma MMKT bereitgestellt.

Das Konzept Märchenreisen
Was für sie einst gar nicht in Frage kam, „Da hatte ich einfach keinen Bock, das passt nicht in meine Kunst- und Kulturreisen“, stellt sich für sie jetzt als höchst interessant dar. Denn vor allem Hans Christian Andersen schreibt viele ‚Kunstmärchen‘ und prägte den Spruch „Reisen heißt Leben“. So bietet sie nun mit einer Freundin, die selbst ein Buch über Andersen schrieb, einige Märchen-Touren an.

Stadttouren- das ist nicht nur was für Alte
Natürlich ist es immer noch so, dass vor allem über 60-jährige ihre Touren buchen, immer öfter kommt es aber vor, dass auch Jugendliche oder ganze Klassen ihre Touren buchen. Wenn diese in den Unterricht eingebunden werden, so sagt Niebergall, bietet sie diese sogar kostenlos an. Es sei auch der Fall, dass ganze Junggesellenabschiede oder Männerfeten mit einer Tour von C. Niebergall begleitet werden.

Man muss auch in die Zukunft blicken
Ihr größtes Anliegen ist, „dass die Bauhausproblematik in Magdeburg und Halle weiter auf der Agenda bleiben muss, weil es was Besonderes ist, […] weil das Bauhaus in den 20er Jahren viele Akzente gesetzt hat und den Vergleich zur jetzigen Zeit, […] denn die Veränderungsproblematik ist groß und stark.“ Aber auch, dass ihre jetzigen Angebote, wie die Fahrradtouren weiterhin erfolgreich bleiben und weiter gemacht werden. Sie möchte auch, dass mehr junge Leute oder andere Unternehmen, als beispielsweise Motivationstag oder Teambildungsmaßnahme, ihre Touren in Anspruch nehmen. „Man versucht immer alles vorzubedenken, wie bei einem Schachspiel“. In dem Ruhestand sieht sie sich in den nächsten Jahren noch lange nicht.

Mit Menschen gegen seine Idee muss man immer rechnen
Doch diese machen Frau Niebergall nicht wirklich zu schaffen, „um es mir auszureden ist es schon zu spät“, viel mehr sind es die, die ihre Ideen klauen und kopieren, „die sind viel schlimmer“, ist ihre Meinung dazu. Vielmehr sagt sie, es sei ein Problem, aber nicht änderbar, vor allem Fehler kann man als Mensch nicht vermeiden.

Warum zu tourenreich
„Es ist dieses besondere Andere mit dem Blickwinkel auf die Architektur, auf die Kunst, die man gemeinsam mit erleben kann“, sagt sie. Sie beschreibt ihre Touren auch als frischer, anders, ausgefallen. Zu Beginn gibt es immer ein bisschen etwas zum Trinken oder zum Naschen, um sich gegenseitig kennenzulernen. Zum Beispiel ist es im Winter ein schönes Gefühl, „wenn man im Winter erstmal einen Glühwein trinkt, bevor es überhaupt los geht“.

Hinter der Unternehmerfassade steckt Feministin
Sie hat damit schon viel erreicht. Unter anderem war sie im Land Sachsen-Anhalt Staatssekretärin für Frauen- und Gleichstellungsfragen und hat eine sehr starke Bindung zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern und auch Vereinbarkeit von Familie und Beruf, „weil ich eben denke, dass Frauen den gleichberechtigten Zugang zu allen Bereichen haben müssen, […] weil das die Zeit ist.“ Sie möchte, dass sich vor allem Frauen mehr einsetzen, dass auch eine Frau den Anspruch haben kann, in den Bundestag zu kommen und ihre Interessen umzusetzen und das zu nutzen, wofür Frauen vor 100 Jahren gekämpft haben. Auch als ausgezeichnete Vorbildunternehmerin und Botschafterin der europäischen Kommission für das weibliche Unternehmertum setzt sie sich für Frauenrechte ein.

Verbessern kann man immer etwas
Durch Weiterbildungen, egal in welcher Richtung, den Defizitaustausch, den jeder hat, „man muss ein Defizit erkennen, um es abzuarbeiten oder auszugleichen“, das sei bei ihr vor allem noch der Online-Bereich und daneben muss man auch einmal Stolz sein, „indem man eine Auszeichnung bekommt, wenn man sich irgendwo bewirbt, und stolz zu sein, etwas geschafft zu haben, stolz zu sein, 5 Jahre am Ball gewesen zu sein, stolz zu sein 10 Jahre am Ball zu sein, also das Unternehmen über die Bühne zu bekommen“.

Spaß und Antrieb braucht man
Ihr Antrieb, „sind die Menschen, mit denen ich zu tun habe“, aber auch gute Gespräche, gute Ansichten, ihre Familie, „die mich auch immer wieder antreibt oder berät“, der Freundeskreis und dass sie eine Idee, die sie bekommt, umsetzen kann. „Ich glaube, das ist der Antrieb eines jeden Unternehmers“

Ziele hat jeder, vor allem Unternehmer
Carmen Niebergall möchte vor allem eins: Menschen Dinge auf den Weg geben. Zum Beispiel, „dass die Menschen die Vergangenheitsproblematik in ihre Gedankengänge in die Gegenwart und in die Zukunft einbeziehen“. Sie möchte, dass die Menschen, die in Sachsen-Anhalt leben, ihr Land besser verstehen und lieben lernen und auch anderen die Schönheit des Landes näherbringen.

„Unternehmer sind keine bösen Menschen“
Sie sind keine Heuschrecken, führt sie fort. Man solle den kindlichen Gedanken von einem Unternehmer als Heuschrecke aus dem Kopf bekommen. „Sie sind alles Ausbeuter, […] sie beuten die Arbeitnehmer aus und sind alle ganz schlecht“, das sei nicht so, „Unternehmen haben auch sehr viele ethische Vorstellungen, […] sie ernähren mit ihrem Unternehmen viele Familien, […] weil die Arbeiter dort ihr Geld verdienen und engagieren sich für Sport, für Kunst/Kultur, daher ist auch die sogenannte Ethikkonferenz entstanden, das ist die Verbindung – Unternehmergeist, Unternehmertum, ethisches Verständnis und mehr zu prägen“, wobei es auch sicher schwarze Schafe gäbe, was menschlich sei.

Ihr Lebensmotto:
„Geht nicht, gibt‘s nicht“, ganz simpel, ihrer Meinung nach.

 

Von Jeremy Schröder
Klasse 8-4
Albert-Einstein-Gymnasium Magdeburg

 

Quelle: Interview mit Carmen Niebergall, www.tourenreich.de