Die kleinen Wunder der Natur

Heutzutage werden immer mehr Kinder zu früh geboren. Viele von ihnen sind nicht einmal sechs Monate alt und wiegen weniger als 500g. Noch vor wenigen Jahren hätte man ihnen keine Chance gegeben. Mittlerweile geht es nicht nur ums pure Überleben, sondern auch um ein qualitatives Überleben.

Salzwedel/Rockenthin: Jedes neunte Baby in Deutschland und jedes zehnte weltweit, welches auf die Welt kommt, ist eine Frühgeburt. Ein Baby ist ein Frühchen, wenn es vor der 37. SSW (Schwangerschaftswoche) auf die Welt kommt, normal wären 40 SSW. Es werden weltweit 15 Millionen Frühchen geboren. Etwa 67 Prozent der extremen Frühchen (Kinder unter 1000 Gramm) sind in ihrem Leben eingeschränkt. In Deutschland müssen Frühchen ab der 24. SSW versorgt werden, doch die Ärzte können gemeinsam mit den Eltern entscheiden, ab wann sie mit der Erstversorgung beginnen. Dies ist eine „rechtliche Grauzone“. In einigen Ländern findet die Erstversorgung, wie z.B. in Japan, schon ab der 22. SSW statt, währenddessen in den Niederlanden, der Schweiz und Frankreich die Mediziner die Frühchen frühestens erst ab der 24. SSW versorgen. In Italien soll allen Kindern geholfen werden, egal wann sie geboren werden.

Die acht Monate alte Hanna (Name geändert), die am 04.07.2017 in Wolfsburg (Erstversorgung ab der 23. SSW) die Welt erblickte, kam in der 24+0 SSW mit nur 525 Gramm und 31 Zentimetern auf die Welt. „Hoffentlich schafft die Kleine es und überlebt. Aber wir glauben an sie und denken optimistisch“, sagten die Eltern von Hanna. „Natürlich muss sie noch Medikamente nehmen, wie Koffein, Vitamin D, Eisen und D-Fluoretten. Hanna bekommt zurzeit noch wöchentlich Frühförderung und Vojtatherapie (Physiotherapie, gezielter Druck auf verschiedene Körperzonen). Sie sollte erst im Oktober geboren werden. Zwar ist sie motorisch ein bisschen zurück für ihr korrigiertes Alter, dafür ist sie aber geistig weiterentwickelt.“

| Foto: Joseph Widiger

Viele Frühchen erleiden Hirnblutungen, manche entwickeln sich normal, andere sind behindert. Sie brauchen viel Körperkontakt mit ihren Eltern, denn dies wirkt positiv auf Atem- und Herzfrequenz, sie schlafen besser und nehmen schneller zu. Känguruhen ist eine Form der Kontaktaufnahme mit dem Frühchen.
Erst ab der 24. SSW reift das Gehirn. Dies hat bei einem extremen Frühchen noch nicht stattgefunden und deren Gehirn ist noch mitten in der Entwicklungsphase. Es hat erst ein Viertel seines Volumens erreicht und deshalb kann es viele Reize, wie z.B. Lärm und grelles Licht nicht verarbeiten. Dazu kommt, dass extreme Frühchen ein Problem damit haben, von der Fruchtwasser gefüllten auf die Luft gefüllte Lunge zu wechseln. Dieses sogenannte „Atemnotsyndrom“ war die häufigste Todesursache bei Frühchen. Prof. Dr. Tetsuro Fujiwara gelang nach jahrelanger Forschung das sogenannte Surfactants (Stoff der die Oberflächenkapazität der Lungenbläschen erweitert) aus Rinder- und Schafslungen zu isolieren, Frühgeborenen in die Lunge einspritzen und diese damit erfolgreich gegen das Atemnotsyndrom zu behandeln. Nach einer Entwicklungsphase von rund zehn Jahren setzte sich das Verfahren ab Anfang der 1990er Jahre im klinischen Bereich durch. Dies war eine Revolution in der medizinischen Geburtshilfe.

Die Eltern der kleinen Hanna sind froh, dass die Medizin so weit fortgeschritten ist und dass sie sich so prächtig entwickelt. Sie nehmen an der GNN-Studie (German Neonatal Network) teil. Beim “Deutschen-Frühgeborenen-Netzwerk“ handelt es sich um eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Studie, die untersucht, welche Faktoren sich besonders günstig auf die langfristige Entwicklung von Frühchen mit einem Geburtsgewicht unter 1000 Gramm oder unter der 29. SSW auswirken. Dabei werden Daten von 20.000 Frühchen über einen Zeitraum von zwölf Jahren ermittelt. Das GNN arbeitet seit Januar 2009 mit mehr als 50 Kliniken zusammen. Durch dieses Netzwerk ist jetzt schon ein Rückgang von schwerwiegenden Komplikationen zu sehen.

Für die Eltern der kleinen Hanna ist ihr Sonnenschein nicht nur ein kleines Wunder der Natur sondern auch ein Wunder der heutigen Medizin.

 

Von Joseph Widiger, Klasse 8a, Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium Salzwedel

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Frühgeburt
https://lmt-medicalsystems.com/de/aktuelles/nachrichtendetails/fruehgeburt-anderelaender-
andere-richtlinien.html
Interview mit betroffenen Eltern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.