„Die Pubertät ist eine sehr verletzende Phase im Leben eines jeden Menschen“

Immer mehr Jugendliche leiden an psychischen Erkrankungen. Doch woher kommen diese?

Zerbst • Wir treten in den Raum. Dort sitzt Fr. Christmann: ,,Kommt doch herein.“ Der Raum ist ziemlich groß. Wir setzten uns hin und sind schon ganz gespannt wie das Gespräch ablaufen wird.

SchmaZ-Reporterinnen: Warum treten psychische Erkrankungen meist bei Jugendlichen auf?
Frau Christmann: Auf diese Frage gibt es leider keine einfache Antwort. Zum Einen gibt es unterschiedliche psychotherapeutische Zugänge und zum Anderen ist die psychische Entwicklung ein sehr komplexer Prozess. Aber ich versuche euch mal eine Perspektive zu erläutern: Wenn die Belastungen, wie Stress, traumatische Erlebnisse oder Ähnliches, im Leben von Jugendlichen ansteigen, entwickeln manche Jugendliche als Folge dieser Belastungen psychische Symptome, wie selbstverletzendes Verhalten, dauerhafte Traurigkeit, Ängste. Andere Jugendliche können diese ohne schwere Symptome bewältigen. Dabei ist entscheidend wie verletzlich (vulnerabel) die Jugendlichen sind. Der Grad der Verletzlichkeit hängt von vielen Faktoren ab:

  • Genetische Faktoren (bestimmte Persönlichkeitsmerkmale können zu einer erhöhten Verletzlichkeit beitragen)
  • Grad des Stressempfindens der Mutter während der Schwangerschaft (hängt auch von Umgebungsfaktoren ab. Laut Untersuchungen führen Armut, Isolierung, und Gewalterfahrungen oder Ähnliches zu mehr Stress bei der Schwangeren und können so das Erbgut des ungeborenen Säuglings beeinflussen; ebenso auch der Konsum von Drogen)
  • Grad der Feinfühligkeit der Eltern für die Bedürfnisse des Säuglings (v.a. die Vernachlässigung der Grundbedürfnisse wie Nahrung, Nähe, Schutz, und Kontakt führen zu einer erhöhten Vulnerabilität)
  • Psychische Stabilität der Eltern (bspw. Können sich große Ängste oder Unsicherheiten der Eltern auf das Kleinkind übertragen)
  • soziale und gesellschaftliche Faktoren (bspw. Traumatische Erlebnisse, Bildungsgerechtigkeit, Leistungsdruck, soziale Ungleichheit, Armut, Gewalt, und Krieg)

Doch heißt dies nicht, dass alle Jugendlichen, die eine erhöhte Verletzlichkeit mitbringen, automatisch bei Belastungen psychische Symptome entwickeln. Denn jeder Jugendliche verfügt über eine psychische Widerstandsfähigkeit. Diese wird v.a. aufgebaut durch:

  • emotionale Bindung an Eltern oder andere freundliche Begleiter, wie Tante oder Lehrer
  • Lob im Sinne von Anerkennung
  • zuverlässige Freundschaften
  • haltegebenden Werten
  • Erfahrung, selbst etwas ändern zu können
  • Erfahrung, Probleme oder Krisen (mit oder ohne Hilfe) zu meistern

Wie ihr seht, hängt die Entwicklung von psychischen Symptomen von sehr vielen Faktoren ab und ist höchst individuell. Zum Abschluss ist noch zu sagen, dass die Pubertät eine sehr verletzliche Phase im Leben eines jeden Menschen ist!

SchmaZ-Reporterinnen: Hängt das immer mit der Vergangenheit zusammen?
Frau Christmann: In gewisser Weise schon, da sich psychische Symptome in der Regel immer aus emotionaler (also gefühlter, nicht unbedingt realer) Überlastung entwickeln und diese in früher oder später Vergangenheit entstanden sind.

SchmaZ-Reporterinnen: Kann man sich selbst therapieren?
Frau Christmann: Das kommt auf die Schwere der psychischen Symptome an. Bei leichteren Symptomen, wie z.B. Ängste nicht angenommen zu werden oder nicht zu genügen, helfen häufig schon Gespräche mit Freunden oder anderen Vertrauten. Außerdem stärkt es jeden, sich die kleinen, täglichen, schönen Erlebnisse bewusst zu machen. Halten die Symptome aber trotz Gesprächen länger an und nehmen in eurem täglichen Leben eine großen Teil eurer Zeit ein, solltet ihr mit einem Vertrauten über die Möglichkeit von professioneller Hilfe sprechen. Ihr könnt euch auch direkt Hilfe in Beratungsstellen holen.

SchmaZ-Reporterinnen: Sind Medikamente notwendig?
Frau Christmann: In der Regel nicht. Aktuell kommen 19 Kinder und Jugendliche zu mir in die Therapie und davon sind 6 medikamentös eingestellt, davon alle einer ADHS Symptomatik. Das steht natürlich im engen Zusammenhang mit den Anforderungen in der Schule. Die Mehrheit dieser Kinder könnten auch ohne Medikamente erfolgreich lernen, dafür sind aber die Rahmenbedingungen in der jeweiligen Schule nicht geschaffen (Klassengröße, die Lehrer stellen nicht genug Zeit und Unterstützung zur Verfügung). Einigen Kindern und Jugendlichen helfen die Medikamente aber sehr gut.

SchmaZ-Reporterinnen: Warum ritzen sich einige Jugendliche?
Frau Christmann: Im Grunde ist es ein sehr ungesunder Umgang mit massivem Stress. Das Gefährlichste ist aber vor Allem der Teufelskreis, in den die Jugendlichen geraten können. Sie haben anfangs enormen Stress und der Wunsch nach Entlastung wächst. Das Ritzen sehen sie als einzige Möglichkeit. Es entsteht eine rasche Spannungslösung und das Gefühl der Leere geht. Sie bekommen eine Erleichterung als Entlastungsgefühl und Klarheit. Doch wenig später empfinden die Betroffenen Ekel, Schuld oder sogar Scham. Dadurch wird der Spannungsbogen neu aufgeladen und der enorme Stress kehrt wieder. Die betroffenen Jugendlichen beginnen mit dem selbstverletzenden Verhalten (bei kleineren Kindern bspw. sich selbst beißen oder Haare rausreißen), da sie keine andere Möglichkeit der Entlastung finden und weil sie sich schämen, kommen sie dann häufig in den beschriebenen Teufelskreis.

SchmaZ-Reporterinnen: Es gibt ja auch Jugendliche, die sich ritzen, damit sie Aufmerksamkeit bekommen. Warum tun sie das?
Frau Christmann: Ich bin der Meinung das Ritzen ist eine Art von Hilferuf und ich nehme dafür auch einmaliges oder seltendes Ritzen sehr ernst. Ich habe euch ja am Anfang erklärt, dass Anerkennung ganz wichtig für die psychischen Widerstandkräfte ist. Jeder Jugendliche – Jeder Mensch – benötigt Anerkennung und erhält es in der Regel durch viele kleine Ereignisse im Kontakt mit Familie, Freunde, Erfolg in der Scule oder durch einfaches ,,bemerkt werden“ . Es muss den Jugendlichen ziemlich mies gehen, wenn sie das Gefühl von Anerkennung über das etwas wie das Ritzen aufzufüllen versuchen. Das sollte man immer im Hinterkopf haben.

SchmaZ-Reporterinnen: Welche Krankheiten behandeln sie zurzeit?
Frau Christmann: Aktuell behandle ich Kinder und Jugendliche, die häufig mehrere psychische Diagnosen haben. Darunter zählen ADHS, Bindungsstörungen, Depressionen, Angststörung, Störung des Sozialverhaltens, Suchtthematiken und Kinder/Jugendliche psychisch erkrankter Eltern. Viele dieser Symptome entwickelten sich bei den Kindern aus traumatischen Erfahrungen, wie starke Vernachlässigung, körperlicher oder sexueller Missbrauch.

SchmaZ-Reporterinnen: Vielen Dank für das Gespräch.
Frau Christmann: Das mache ich doch gerne.

Von Julia Kemp & Lisa Sophie Fräßdorf, Klasse 8, Francisceum Zerbst