Die Zerstörung Halberstadts

Feuersturm über Halberstadt | Jedes Jahr im April gedenken die Halberstädter einem der schlimmsten Kapitel in der Geschichte der Stadt. Als gebürtiger Halberstädter stellte sich mir die Frage, was genau an diesem schicksalhaften Tag vor 72 Jahren geschehen war. Mit Büchern und Filmen begann ich eine Zeitreise in die Geschichte. Vor allem die Berichte der Zeitzeugen haben mich sehr interessiert.

Am 8. April 1945, genau einen Monat vor Kriegsende, wurde Halberstadt durch einen Bombenangriff zu großen Teilen zerstört und viele Menschen verloren ihr Leben.

Wie viele andere deutsche Städte wurde auch Halberstadt als Ziel der Bombardierung von den westlichen Alliierten ausgewählt. Damit sollte die Bevölkerung demoralisiert werden. Dazu der britische Luftmarschall Arthur Harris, der für die Zerstörung von Halberstadt und auch für die Zerstörung Dresdens verantwortlich war: ,,Die Zerstörung von Industrieanlagen erschien uns stets als eine Art Sonderprämie. Unser eigentliches Ziel war immer die Innenstadt.“ (Zitat aus dem Buch: „Halberstadt brennt“ von Werner Hartmann.) Auf den offiziellen Plänen war als Primärziel nicht Halberstadt sondern ein Tanklager in Leopoldshall bei Staßfurt angegeben. Das dies das wirkliche Ziel war zweifelt Werner Hartmann, der Stadthistoriker von Halberstadt, wohl mit Recht in dem Dokumentarfilm „Operation Sardine“ an, da nach seiner Meinung die Zahl der Bomber zu groß war, um als Ziel ein einziges Tanklager zu zerstören. Halberstadt war ein optimales Angriffsziel. Andere deutsche Städte waren bereits zerstört. Die Ziele wurden so ausgewählt, um einen möglichst großen Schaden zu verursachen. Halberstadt hatte viele Fachwerkhäuser und war damit leicht in Brand zu setzen.

In der Stadt waren etwa 70.000 Menschen. Neben den Einwohnern gab es viele Kriegsflüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten sowie zahlreiche verwundete Soldaten in 22 Lazaretten. Kämpfende Truppen waren nicht mehr in der Stadt, weil diese bereits vorher an die Front abgezogen wurden sind. Die Junkerswerke als Teil der deutschen Rüstungsindustrie wurden bereits am 30. Mai 1944 durch einen Bombenangriff zerstört. Am 7. April beschossen US-Jagdbomber einen auf Gleis 9 des Halberstädter Bahnhofs stehenden Munitionszug. Die Detonation war in der ganzen Umgebung zu spüren gewesen, als der mit Seeminen beladene Zug in Flammen aufging. Statt der Gleise war nur noch ein riesiger Krater zu sehen. 650 Eisenbahnwaggons und 45 Lokomotiven lagen ausgebrannt und als Trümmer herum. Der Bahnhof selbst war völlig zerstört. In der Stadt gab es durch die Druckwelle Schäden an Fenstern und Dächern.

Am 8. April 1945 um 6.15 Uhr starteten von den Basen in Mittelengland um Bedford 215 B-17-Bomber und 239 Mustang Langstreckenjäger in Richtung Halberstadt. Der Einsatz trug den Code GY 4822 oder besser bekannt als ,,Operation Sardine“. Um 11.10 Uhr wurde durch die Luftwarnzentrale, die in der alten Post untergebracht war, Luftalarm ausgelöst. Die ersten Flugeinheiten trafen um 11.31 Uhr in Halberstadt ein. Die flüchtende Bevölkerung, die sich in die als Luftschutzräume ausgebauten Höhlen in die Spiegelsberge retten wollte, wurde von Tieffliegern beschossen. Als Orientierungspunkt für den Angriff diente das Lyzeum, das heutige Käthe-Kollwitz-Gymnasium, wegen seiner markanten Form. Von dort aus begann der Luftangriff in Form dreier übereinander liegender Fächer. Die Bomber warfen ihre tödliche Last nach einem präzisen, auf Zehntelsekunden genauen Plan, ab. Dazu der am Einsatz beteiligte Brigadier Andersen in einem späteren Interviews: ,,Schuttkegel am Eingang jeder Straße und am Ausgang. Die Falle ist zu, wenn wir die Häuser zu beiden Seiten der Straße sprengmäßig aufmachen. Da hinein Brandkanister, Stäbchenbrandbomben usf. Darüber dritte und vierte Welle brandmäßig. Das gibt ein Querraster, obwohl wir immer in der gleichen Spur durchfurchen. Sehen Sie, intakte Gebäude sind schwer zum Brennen zu bringen. Erst müssen die Dächer abgedeckt sein, und es müssen Öffnungen eingesprengt werden, die ins zweite oder möglichst erste Stockwerk hineinreichen, wo das Brennbare sitzt.“ (Zitat aus dem Buch „Der Luftangriff auf Halberstadt am 8.April 1945.“ von Alexander Kluge) Insgesamt wurden 540 Tonnen Spreng- und 50 Tonnen Brandbomben über Halberstadt abgeworfen. Um die Aufräum- und Löscharbeiten zu verhindern gab es darunter auch zahlreiche Zeitzünderbomben, die noch Stunden nach dem Angriff explodierten. Fliehende Menschen wurden weiterhin von Tieffliegern beschossen. Zirka 2.100 Menschen verloren am 8. April 1945 in Halberstadt ihr Leben. Etwa 400 davon waren Kinder. Die Toten wurden eilig in Massengräbern beerdigt. Einige Leichen konnten wegen des Grundwassers nicht geborgen werden und verblieben in den Gräben oder Bombentrichtern, z.B. in der Hasenflugstraße, die dann zugeschüttet wurden. Für die Bergung der Leichen wurden unter anderem auch Häftlinge des nahe gelegenen KZs Langenstein-Zwieberge eingesetzt. 25.000 Halberstädter wurden obdachlos.

Dreieinhalb Tage brannte die Stadt und 80% der Gebäude wurden zerstört. Überall loderten Brände, die verzweifelte Bürger, Häftlinge und Feuerwehren mit Wasser aus Gräben und des Schwimmbads versuchten zu löschen. Unter den zerstörten Gebäuden waren der Stelzfuß, das Stadttheater, die Franzosenkirche, das Rathaus und die Andreaskirche. Schwer beschädigt waren die Matinikirche, der Dom, das Gleimhaus und das städtische Museum. Auch zahlreiche Schulen waren betroffen. Zum Beispiel wurden beim Martineum das Dach und beim heutigen Käthe-Kollwitz-Gymnasium der Westflügel weggesprengt. Die komplette Strom-, Wasser-, Abwasser und Gasversorgung waren zerstört. Die Straßen konnten kaum oder gar nicht passiert werden und das Gleisnetz der Straßenbahn Halberstadts, einer der ältesten Straßenbahnen Deutschlands, war völlig unbrauchbar. Mühsam versuchte man, Verschüttete aus Kellern zu befreien, die durch Klopfzeichen auf sich aufmerksam machten.

Drei Tage später wurde Halberstadt von amerikanischen Truppen kampflos eingenommen. Einen Monat später kapitulierte Deutschland und der Krieg war vorbei. In den Jahren 1952 bis 1976 wurden 62 Blindgänger im Stadtgebiet Halberstadts entschärft. Auch bis heute werden noch Bomben von diesem Angriff gefunden. Am 16.09.2014 wurde bei Schachtarbeiten in der Westerhäuser Straße und am 26.08.2016 in der Klusstraße ein Blindgänger entdeckt. Tausende Menschen wurden evakuiert und die Sprengmittel unschädlich gemacht. Mehrere Orte in Halberstadt erinnern an die Bombardierung. Jedes Jahr am 8. April um 11.30 Uhr wird den Opfern an der Ruine der Franzosenkirche gedacht. Dort verloren 70 Menschen ihr Leben, als sie Schutz vor dem Bombenhagel gesucht hatten.

Wer mehr über diesen Tag wissen möchte, sollte sich den Film ,,Operation Sardine“ von Marcus Ahrens für das Regionalfernsehen Harz oder das Buch ,,Halberstadt brennt“ von Werner Hartmann ansehen. Beides ist auch in der Stadtbibliothek ausleihbar.

Von Claudius Swars, Klasse 8b, Käthe-Kollwitz-Gymnasium, Halberstadt

Quellen:
Alexander Kluge: Der Luftangriff auf Halberstadt am 8.April 1945. Frankfurt 2014.
Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 1990.
Marcus Ahrens: Operation Sardine. DVD. Regionalfernsehen Harz 2005.