Flucht und selbstgemachte Marmelade

(Foto: Charlotte Kliem)

| Foto: Charlotte Kliem

Ein Mann wird erschossen. Eine junge Frau erhält einen Anruf: „Pass auf, euer Chefredakteur ist tot. Bleib, wo du bist, ich hole dich ab!“ Sie wird abgeholt und zusammen mit drei anderen in ein Versteck gebracht. Fast drei Wochen bleiben sie dort und warten darauf, wie es weitergehen soll. Es ist schlimm, sie sehen ihre Familien nicht mehr und sind vollkommen im Ungewissen, was als Nächstes passieren wird. Doch irgendwann wird es zu gefährlich. Sie müssen nach Europa fliehen, um ihr Leben zu retten. Die junge Frau, die den Anruf erhielt, macht sich mit einer Bekannten auf den Weg nach Deutschland.
In Deutschland würde sie sicher sein.

Dies ist kein Ausschnitt aus dem nächsten Hollywood-Action-Streifen. Nein, es ist die wahre Geschichte von Juliana Gombe, einer jungen Frau aus Angola. Sie verlässt ihre Heimat und damit ihr Zuhause, ihre geliebte Familie. Sie ändert sogar kurzzeitig ihren Namen, weil es sonst zu gefährlich für sie und ihre Angehörigen ist.

Die Flucht nach Deutschland ist kein Zuckerschlecken. Und auch in Deutschland wird sie nicht sofort mit offenen Armen empfangen. Aber Juliana ist eine starke Frau und sie will sich hier ein neues Leben aufbauen. Ein Leben ohne Angst und Verfolgung. Und sie will etwas zurückgeben, an die Menschen, die ihr hier geholfen haben. Oder den vielen Menschen, die ihre Hilfe heute brauchen.

Wer könnte besser die Sorgen der Flüchtlinge verstehen, die heute in unser Land kommen, als Juliana Gombe? Sie hat das alles selbst erlebt und als wir sie trafen, hat sie uns angesteckt, mit ihrem Lebensmut und ihren tollen Ideen.

Wir sind Schülerinnen des Hegel-Gymnasiums in Magdeburg und haben Frau Gombe bei Kaffee und Kuchen interviewt. Juliana Gombe kümmert sich um Flüchtlingskinder und deren Familien. Sie hilft ihnen hier in die Gemeinschaft hineinzuwachsen, gibt in der Stadtbibliothek Deutschkurse und bringt deutsche und ausländische Kinder zusammen. Sie plant gemeinsame Unternehmungen, damit sich die Menschen hier wohlfühlen. Ihre Augen leuchten, wenn Sie von ihrer Arbeit erzählt und man merkt, dass es ihr wichtig ist. Und sie hat einen ganz großen Traum. Einen Traum von einem Haus, einem „Willkommenshaus“, in dem sich Flüchtlinge und Deutsche treffen, um miteinander zu reden, zu lachen und zu kochen. Sich ihre Sorgen zu erzählen oder miteinander Musik zu machen. Das Haus soll außerdem auch eine Werkstatt für geflüchtete Kinder und Schulabgänger beherbergen. Denn Juliana Gombe weiß, dass es nur miteinander geht und dass es auch deutsche Kinder gibt, die Hilfe brauchen.

Sie möchte etwas verändern in den Köpfen der Menschen. Genauso wie damals, als sie in Angola mit anderen Jugendlichen wöchentlich eine Zeitschrift herausgebracht hat. Wenn sie von ihrer Vergangenheit erzählt, vom Tod ihres Chefredakteurs und ihrer anschließenden Flucht,wird die sonst so quirlige Juliana Gombe plötzlich bedrückt.

Doch heute fühlt sie sich hier zu Hause, sie hat hier ihre Freunde. Menschen, die ihr ans Herz gewachsen sind. Und die ihr Marmelade kochen. Ein Geschmackserlebnis, das sie erst hier in Magdeburg kennen und lieben gelernt hat. Anfängliche Schwierigkeiten sind da lange vergessen.

Und genau das wünscht sich Juliana für alle Menschen in Deutschland. Sie sollen sich hier zu Hause fühlen. Vielleicht gibt es ja irgendwann auch das „Willkommenshaus“, ein Haus für Freunde. Dort ist es dann ganz egal, wo man herkommt. Denn beste Freunde sind immer ein bisschen gleich und ein bisschen verschieden, wie das Sprichwort sagt.

Und manche haben auch selbstgemachte Marmelade.

Von Charlotte Kliem, Klasse 8/2, Hegel-Gymnasium Magdeburg