Flucht und Vertreibung gestern und heute

Die Flüchtlingskrise ist in den letzten Monaten das brisanteste Thema gewesen. Kein Tag vergeht an dem wir nichts über Flüchtlinge hören. Aber was sind das für Menschen, die ihre Heimat verlassen und tausende Kilometer laufen um nach Deutschland zu kommen. Auch damals nach dem 2.Weltkrieg waren ca. zwölf Millionen Menschen auf der Flucht. Mich haben zwei ganz unterschiedliche Schicksale von zwei ganz unterschiedlichen Menschen interessiert. Deshalb habe ich Frau Elfriede P. getroffen, die 1945 aus dem Sudetenland geflohen ist und Abdelrahman, ein syrischer Flüchtling, der seit September 2015 in Hadmersleben lebt.

Ich habe beiden erklärt warum ich sie interviewen wollte und welche Punkte ihrer Flucht für mich besonders wichtig waren. Die Interviews habe ich getrennt voneinander geführt.

Zur Person:
Elfriede P.
Wurde 1935 in Sandhübel, Kreis Freiwaldau in einem kleinen Dorf geboren. Das frühere Sudetenland gehört heute zur Republik Tschechien und Polen. Mit zehn Jahren musste sie mit ihrer Familie und fünf Geschwistern ihre Heimat verlassen. Über Umwege kam sie 1950 in das kleine Bördedorf Drackenstedt und lebt dort seit 67 Jahren im selben Haus.

Zur Person:
Abdelrahman
Alter: 28 Jahre. Lebte mit seinen Eltern und 3 Geschwistern in Homs (Syrien). Er ist Mathematikstudent und lebt seit September 2015 in Hadmersleben. Syrien liegt südlich der Türkei zwischen dem Libanon und dem Iran. Wieder südlich schließt sich Jordanien an Syrien an. Syrien ist 183.630 km² groß und hat ca. 22,8 Millionen Einwohner. Die beiden größten Städte sind Homs und Damaskus. Die Landessprache ist Arabisch.

Nellie: Abdelrahman/Elfriede P., bitte erzählen Sie mir unter welchen Umständen Sie Ihre Heimat verlassen mussten?

Elfriede P.: Ich wurde 1935 in Sandhübel Kreis Freiwaldau geboren. Sandhübel liegt ca. eine Stunde von Bresslau entfernt und gehörte damals zum Sudetenland. Nach Ende des 2.Weltkriegs mussten alle Deutschen das Sudetenland verlassen, da dieses der Tschechoslowakei und Polen zugesprochen wurde. Im August 1945 wurde meiner Mutter mitgeteilt, dass sie sich innerhalb eines Tages mit uns bereit machen sollte, um das Land zu verlassen. Ich war damals zehn Jahre alt.
Der Befehl der tschechischen Regierung lautete, das die Deutschen nur Handgepäck mitnehmen dürften. Alle Wertgegenstände, Schmuck und Geld wurden uns weggenommen. Meine Mutter zog uns Kindern mehrere Lagen Kleider übereinander an. Wir Kinder waren ja noch klein und konnten nicht so viel tragen. Meine Mutter packte was möglich war in einen kleinen Koffer (Fotos, Papiere usw…).

Abdelrahman: Ich habe Syrien vor drei Jahren verlassen, da ich sonst zum Militärdienst gezwungen worden wäre. Ich wäre dann auch gezwungen gewesen gegen die IS zu kämpfen. Ich wollte, aber nicht für Assad kämpfen und auch nicht ein Teil des Krieges werden. Vor drei Jahren habe ich Syrien verlassen und bin nach Ägypten gegangen. Dort habe ich zwei Jahre gelebt und bin dann nach Deutschland gekommen.

Nellie: Wie lange hat Ihre Reise gedauert und welche Route haben Sie genommen?

Elfriede P.: Meine Mutter machte sich mit uns sechs Kindern im August 1945 auf den Weg. Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt noch in englischer Kriegsgefangenschaft. Wir wurden in Viehwaggons gesteckt, und kamen über Polen in die damals russisch besetzte Zone. Danach sind wir immer der Elbe entlang gelaufen. Einmal sind wir mit dem Schiff gefahren, den Rest mussten wir gehen. Wir legten die ca. 1000 km in einem Monat zurück. Ende September 1945 kamen wir im Auffanglager in Halle an.

Abdelrahman: Ich bin von Ägypten mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer in die Türkei eingereist von dort aus zu Fuß oder mit dem Bus weiter nach Mazedonien und Serbien. Schließlich nach Ungarn und Österreich und zum Schluß nach Deutschland. Die Reise hat ca. eineinhalb Monate gedauert. Immer wenn wir die Grenze von einem andern Land passierten mussten wir zu Fuß gehen, danach konnten wir wieder Bus fahren.

Nellie: Können Sie Sich an besondere Momente auf Ihrer Flucht erinnern?

Elfriede P.: Ja, wir Kinder hatten immer Hunger. Es gab sehr wenig zu essen, mal eine gedämpfte Kartoffel oder Brot, manchmal für die Kinder etwas Milch. Wir schliefen in Scheunen und konnten uns nicht richtig waschen. Einmal hat uns eine Frau eine Quarkstulle geschenkt, dass war ein sehr besonderer und schöner Moment. Ich habe mich sehr gefreut. Wir waren froh, dass es warm war, im Winter hätten wir es nicht geschafft.

Abdelrahman: Nicht wirklich, natürlich war es anstrengend, aber die meisten Menschen waren freundlich zu uns. An den Grenzübergengen sind wir mit Essen versorgt worden. Ich konnte mir auch unterwegs Essen kaufen. Nur in Ungarn war es hart.

Nellie: Wieso sind Sie ausgerechnet nach Hadmersleben/Drackenstedt gekommen?

Elfriede P.: Zuerst waren wir ja im Übergangslager in Halle. Von dort sind wir nach Ochtmersleben geschickt worden. Es gab in einem Haus 2 Zimmer für uns. In Ochtmersleben erkrankten wir Kinder an Typhus. Mein ältester Bruder starb mit 16 Jahren. Wir mussten aufs Land, weil die Städte zerstört waren. Wir Kinder gingen zur Schule, meine Mutter fand Arbeit in der Landwirtschaft. Mein Vater kam nach einem Jahr aus der Gefangenschaft zu uns. Er war gelernter Steinmetz und arbeitete in Magdeburg als Maurer. Mit 15 Jahren verließ ich die Volksschule und kam auf Empfehlung einer Freundin nach Drackenstedt zu den Eheleuten Telz. Dort wurde eine Haushaltshilfe gesucht, da Herr und Frau Telz schon alt waren. Meine Eltern und 2 meiner Geschwister zogen in den Westen in die Nähe von Osnabrück. Meine anderen Geschwister und ich blieben in der DDR. Frau Telz starb 1968. Herr Telz war schon vorher gestorben. 1969 fing ich an in der Schulküche zu arbeiten. Der Kindergarten und die Grundschule befanden sich zu dieser Zeit auch im Haus der Familie Telz. Ich arbeitete hier bis ich 1990 in den
Vorruhestand ging.

Abdelrahman: Als ich in Deutschland angekommen bin, sind wir zuerst in das Flüchtlingslager in Halberstadt gekommen. Von dort aus hat man uns nach Collbitz gebracht. Wir haben dort auf einem Camingplatz gelebt, es war ziemlich einsam. Dort hatten wir keine Möglichkeit zum Einkaufen, aber das Wetter war gut und die Landschaft schön, fast wie ihm Urlaub. (lacht) Von Collbitz aus sind wir nach Hadmersleben gekommen, dass war im September 2015.

Nellie: Wie finden Sie Hadmersleben? Wären Sie lieber in eine größere Stadt gegangen? Sind Sie zufrieden mit Ihrer Unterkunft?(Einzelfrage)

Abdelrahman: Hadmersleben ist hübsch, natürlich auch sehr ländlich. Ich lebe mit fünf anderen Mitbewohnern in einem Haus. In Hadmersleben haben wir einen Supermarkt und andere Geschäfte. Wir können mit dem Bus nach Magdeburg fahren. Am Anfang habe ich gedacht es wäre besser gewesen, wenn ich in einer größeren Stadt untergebracht worden wäre. Aber jetzt nicht mehr. Hier ist alles klein und überschaubar, und wir finden schneller Kontakt zu Deutschen. In einer großen Stadt kann man auch sehr schnell einsam werden.

Nellie: Wurde Ihnen geholfen und wenn ja von wem? Sind Sie ihn Hadmersleben/Drackenstedt freundlich aufgenommen wurden?

Elfriede P.: Wir bekamen die Wohnung und meine Eltern Arbeit. Ansonsten mussten wir uns allein durchschlagen. Manchmal bekamen wir etwas geschenkt, zum Beispiel ein Stück Stoff für einen Mantel oder Wolle für Strümpfe.

Abdelrahman: Es gibt in Hadmersleben freundliche und weniger freundliche Menschen, wie überall. Am dritten Tag nach unserer Ankunft in Hadmersleben wurden wir von einigen Menschen beschimpft und es flogen Steine. Ich habe gedacht, dass diese Leute mich wirklich hassen, obwohl sie uns noch gar nicht kannten. Aber die meisten in Hadmersleben sind freundlich zu uns. Besonders hilft uns Frau Jülich und Frau von Neumann. Auch Pfarrer Spielmann und Frau Belling sind sehr engagiert. Sie helfen uns ihm Alltag und bei den Behörden, weil dort nur Deutsch gesprochen wird z.B ist Frau von Neumann mit uns zum Jobcenter gegangen.

Nellie: Hatten Sie in all dieser Zeit auch schon einmal Heimweh?

Elfriede P.: Ja, auf jeden Fall. Wir Kinder haben unsere Heimat sehr vermisst. Die Landschaft in Sandhübel war ganz anders als in der Börde. Es gab viel mehr Wald und Berge. Hier ist ja alles sehr flach. Auch der Dialekt in der Börde ist ganz anders als bei uns zu Hause.

Abdelrahman: Ja, nartürlich, vorallem vermisse ich meine Eltern und meine Freunde. In Syrien waren wir eine Gruppe von Freunden. Mittlerweile sind wir alle in Deutschland in kleinen Orten verteilt und werden uns wahrscheinlich nicht wiedersehn.

Nellie: Was waren Ihre Pläne nach ihrer Ankunft in Deutschland?

Elfriede P.: Damals nach meiner Ankunft in Deutschland hatte ich keine richtigen Pläne. Ich war ja noch sehr jung und wollte einfach nur schnell wieder in den normalen Alltag zurück. Die Flucht war damals schon sehr anstrengend und wir waren froh angekommen zu sein.

Abdelrahman: Zuerst wollte ich nach meinem Studium, meinen Master machen und in die Forschung gehen. Doch ich habe mich umentschieden und möchte nun doch Mathelehrer werden. Ich habe viel Zeit von meinem Leben verloren und möchte nun, so schnell wie möglich Deutsch lernen und Anfangen zu arbeiten. Ich habe letztlich einen Direktor von einer in der Umgebung liegenden Schule kennengelernt, der mir angeboten hat, dass ich mir ganz normalen Unterricht an seiner Schule angucken könnte. Das hat mich sehr gefreut.

Nellie: Wenn Sie jetzt auf Ihr Leben schauen, sind Sie dann zufrieden?

Elfriede P.: Ich bin zufrieden. Nach dem Krieg musste viel gearbeitet werden. Wir waren froh, das der Krieg vorrüber war und wir überlebt hatten. Wir haben in dieser Zeit nach vorne gesehen und die Vergangenheit hinter uns gelassen. Als ich in der Schulküche gearbeitet habe wurden jeden Tag für 60-70 Kinder gekocht. Manchmal fror im Winter das Wasser ein und wir mussten alles von Hand ins Haus tragen. Auch die Kohlen, das war harte Arbeit. Aber es hat auch Spaß
gemacht.

Abdelrahman: Ja, schon. Ich bin froh endlich in Deutschland angekommen zu sein und neue Chancen zu bekommen. Natürlich gibt es viele Dinge, die ich noch ändern möchte, z.B möchte ich Anfangen wieder zu arbeiten und die Sprache zu lernen. Das sind natürlich alles sehr langfristige Pläne. Von denen ich trotzdem hoffe, dass sie einmal klappen.

Nellie: Frau P. und Abdelrahman, ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit genommen haben meine Fragen zu beantworten.

Die beiden Interviews haben mich nachdenklich gemacht. Kann man diese beiden unterschiedlichen Schicksale miteinander vergleichen?
Ist Flucht immer gleich Flucht, auch wenn dazwischen über siebzig Jahre liegen? Elfriede P., die aus ihrer deutschen Heimat vertrieben wurde, und Abdelrahman der aus Syrien den weiten Weg nach Europa gegangen ist, um ein besseres Leben zu finden. Beide Menschen haben ihre Heimat durch einen sinnlosen Krieg verloren, waren gezwungen alles hinter sich zu lassen.
Bis vor Kurzem kannte ich Flüchtlinge nur aus der Zeitung und aus dem Fernsehen. Durch die Gespräche mit Abdelrahman und Elfriede P. sehe ich einige Dinge jetzt mit anderen Augen. Bisher war es für mich selbstverständlich ein Zuhause zu haben, eine Familie, die für mich sorgt und ein Land in dem Demokratie herrscht. Ich weiß jetzt, dass ich zu dem glücklichen Teil der Menschheit gehöre und bin dankbar dafür. Wir sollten Flüchtlinge als das sehen was sie sind: Menschen!

Von Nellie Kremer, Klasse 8a, Internatsschule Hadmersleben