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Als ich noch klein war, war alles einfach. Die Entscheidung, was man anzieht, wurde schnell mal nebenbei oder von Mama und Papa getroffen. Und auf den Kindergarten oder die Grundschule hat man sich jeden Tag aufs Neue gefreut. Mittlerweile bin ich 14 Jahre alt und viele Entscheidungen nimmt mir keiner mehr ab. Ein Artikel von Svea Z.

Dieses Jahr habe ich schon Konfirmation, worauf ich mich schon sehr freue, und das wird natürlich ordentlich gefeiert. Vor allem auch deshalb, da einen Tag später meine Oma 80 Jahre alt wird. Es kommen viele Verwandte, die wir sonst nicht oder nur selten sehen. Oma freut sich schon sehr doll auf ihren Geburtstag, und sie weiß auch schon, was sie anzieht!

Meine Oma ist eine kleine, zarte, humorvolle Frau, die auch ihre Ecken und Kanten hat. All die Zeit, die schon vergangen ist, hat auch sie geprägt und Spuren hinterlassen. Am Anfang mit weniger auffälligen Anzeichen. Mittlerweile sind manche Dinge aber kaum noch zu übersehen.

Sie vergisst teilweise das regelmäßige Essen. Wir stellen es fest, wenn wir sie besuchen und einen Blick in ihren Kühlschrank werfen, der von ihr liebevoll „Kühli“ genannt wird. Wenn Mama Oma fragt, was sie in den letzten Tagen gegessen hat, kann sie sich meist nicht mehr daran erinnern. Um ihr eine Stütze zu bieten, schreiben wir ihr Zettel für jeden Tag der Woche, damit Oma weiß, was sie wann essen soll. Wir entscheiden es mit ihr zusammen, welche Gerichte sie wann isst, doch in letzter Zeit schaut sie nicht mehr auf die Zettel und kommt sehr schnell durcheinander. Ihr Erinnerungsvermögen lässt sichtbar nach. Letztes Jahr im Herbst rief sie beispielsweise panisch an und fragte, wann wir alle Geburtstag hätten, da sie es nicht mehr wusste. Bei uns zu Hause löst sowas dann eine sehr bedrückte Stimmung aus, da wir uns alle Sorgen machen.
All ihre früher so harmonischen Bewegungen werden mit der Zeit langsamer und unsicherer. Die hohen Schuhe, in denen sie viele Jahre gelaufen ist, trägt Oma nicht mehr, da unsere Sorge zu groß ist, dass sie erneut stürzt. Sie wohnt allein in einer seniorengerechten Wohnung. In dem Haus hat sie eine Freundin namens „Wöhli“*, doch diese ersetzt niemanden, der dauerhaft bei ihr ist.

Ich hoffe, dass wir nie in die Situation kommen werden, in der sie den Weg in ihre Wohnung nicht mehr findet. Wir besuchen Oma zwar in der Woche so oft es geht, aber wir sehen, dass sie viel vergisst und es mit der Zeit schlimmer wird. Doch das tägliche Anrufen bei uns vergisst sie so gut wie nie. Ihre Anrufe gehören mittlerweile einfach dazu. Ich kann und will mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, nicht jeden Tag ihre fröhliche Stimme am Telefon zu hören. Ich genieße es mit ihr zu plaudern und über ihren Tag zu reden, wie zum Beispiel früher, als sie öfter mal auf uns aufgepasst hat. Dann setzte sie sich abends an mein Bett und erzählte mir Geschichten aus ihrer Kindheit, was sie für Fehler gemacht hat und wie sie daraus gelernt hatte, was sie für Probleme hatte und wie sie damit umgegangen ist. Oder einfach prägende Erlebnisse, die sie nie vergessen wird und uns gern wieder und wieder erzählt.

Ich möchte die Zeit mit ihr so lange genießen, wie ich es kann, und ich hoffe, dass wir bald 2 tolle Feste feiern. Denn ohne sie würde nicht nur ein Teil der Familie fehlen, sondern auch eine tolle Frau, die man einfach gern haben muss.

Von Svea Z.
„Europaschule“ Gymnasium Gommern