Jugend in den 50er Jahren

Foto: Privat

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Genthin • Die Mode kommt wieder. Ein alter Spruch, der aber stimmt. In diesem Jahr werden viele Jugendliche Kleider tragen, die dem Stil der 50er und 60er Jahre nachempfunden sind. Deshalb wollte ich, Jeany Berndt (14), wissen, wie das Leben eines Jugendlichen zu dieser Zeit war und befragte meine Oma Jutta Berndt (74), die 1956 in meinem Alter war.

Jeany: Wie war es in deiner Schule als du 14 Jahre alt warst?
Jutta Berndt: Als ich in deinem Alter war, habe ich die Schule gerade beendet. Mein Vater wollte, dass ich auf die EOS (Erweiterte Oberschule) gehe und Lehrerin werde. Und da dachte ich mir: Nein. Da müsste ich noch vier Jahre zur Schule gehen und verdiene nichts. Also habe ich mich 1955 heimlich an der Stenografie-Schule in Burg angemeldet. Wir waren viele Schüler, 28 allein in meiner Klasse, so dass dann aber eine Stenoschule in Genthin eingerichtet wurde und ich dort hingehen konnte. Das war eine Berufsschule, bei der den ganzer Tag Unterricht war: Schreibmaschineschreiben, Stenografie, Buchführung und so weiter. Auch Arbeitsgruppen hatten wir. Ich war in der Zeichen AG. Unser Lehrer konnte gut malen. Nach dem Abschluss konnte man sich bei einem Betrieb bewerben.

Jeany: Wie war eure Jugendweihe?
Jutta Berndt: Wir trugen alle Kleider in schwarz. Zu unserer Zeit wurde die Jugendweihe noch im Stil einer Konfirmation ausgerichtet. Sie fand im Union Theater statt, das weiß ich noch ganz genau. Auch die Feier war noch nicht so groß wie heute, sondern im engsten Familienkreis. Die Nachbarn haben Briefe mit Geld geschickt und es gab Geschenke, wie Bettwäsche und Handtücher.

Jeany: Was hast du in deiner Freizeit gemacht?
Jutta Berndt: Wir hatten eigentlich nie Langeweile, waren fast immer draußen. Unsere Lieblingsbeschäftigungen waren Ballspiele und Seilspringen. Aus Blättern haben wir Kronen gebastelt. Oft sind wir auch auf Mauern balanciert oder mit dem Fahrrad gefahren. Ich war eine Zeit lang in der Schweiz und von dort brachte ich auch das Diabolo-Spiel mit. Ich hatte das Beste aus der ganzen Straße. Jeder wollte damit spielen. Mit meinen Freundinnen bin ich auch öfter ins Kino gegangen oder wir haben zusammen Eis gegessen. Sobald es etwas wärmer wurde, fanden sich alle im Schwimmbad wieder. Das Schwimmbad war immer überfüllt. Wir waren viele Kinder. Auch in meinem Haus. Im Winter sind wir Schlittschuhe gelaufen. Wir hatten zwar nur ein paar Schlittschuhe für neun Kinder im Haus, aber das machte nichts. Jeder durfte mal fahren. Obwohl wir viele Kinder waren, gab es eigentlich nie Prügeleien oder Streitereien. Jugendtanz war jeden Sonnabend von 16 bis 22 Uhr. Ich war oft dort. Es schien als ob ganz Genthin da gewesen wäre. Nach 22 Uhr ging es noch weiter, allerdings nur für die Älteren. Um Punkt 24 Uhr kam die Polizei und hat Ausweiskontrolle gemacht.

Jeany: Wie sah die Kleidung in dem 50ern aus?
Jutta Berndt: Die Petticoats waren zu dieser Zeit sehr in Mode. Damit die Kleider ordentlich wegstanden, wurden sie mit Zuckerwasser gestärkt. Um diese Kleider zu bekommen, bin ich immer nach Berlin, nach Westberlin, gefahren. Damals waren die Grenzen noch offen. Man durfte sich nur nicht von der Grenzpolizei beim Schmuggeln von Waren erwischen lassen. Wenn man dann in die großen Kaufhäuser kam, roch alles so gut. So was kannten wir hier bei uns ja nicht. Ich tauschte das Ostgeld in Westgeld um, der Kurs war eins zu fünf, und kaufte mir für fünf Westmark ein wunderbares Kleid. Da man immer mehrere Lagen übereinander anzog, flogen die Kleider ganz toll, wenn man sich drehte.

Jeany: Wie habt ihr gefeiert?
Jutta Berndt: Wir haben viel improvisiert. Aus Pappe und Stoff haben meine Eltern eine Tasche gebastelt, die ich dann zu Weihnachten bekommen habe. Ganz selten gab es auch mal eine Puppe. Mein Vater hatte eine Geige, unsere Nachbarin spielte Akkordeon. Damals kam bei Festen noch mehr Stimmung auf als heute, auch ohne Alkohol. Urlaub gab es eigentlich nicht und in ein Ferienlager kam man nur wenn man sehr gute Kontakte hatte.

Jeany: Wie habt ihr euch versorgt?
Jutta Berndt: Wir haben im Garten viel selbst angebaut. Ich musste immer Pflaumen pflücken, die meine Mutter dann zu Pflaumenmus verarbeitet hat. Mein Vater hat oft Gurken eingelegt. In den Großstädten gab es echte Hungersnot. Manchmal sind wir zu Verwandten gefahren und haben ihnen Kartoffeln gebracht, damit sie was zu essen hatten.

Von Jeany Marie Berndt, Klasse 8/2, Bismarck-Gymnasium Genthin