Kennst du den Beruf der Stillberaterin?

Kennst du den Beruf der Stillberaterin?

Mit 15 lebt man seine Pubertät. Doch die Zukunft, die eigene Berufswahl, darf man dabei nicht aus den Augen verlieren. Im Rahmen von SchmaZ waren wir auf der Suche nach einem Beruf, der relativ unbekannt ist.
Frau Nadine Fessel, vom Harzklinikum „Dorothea Christiane Erxleben“ Klinikstandort Wernigerode, stand uns gern Rede und Antwort.

SchmaZ-Reporter: Wie sind Ihre Arbeitszeiten?
Frau Fessel: Mittlerweile arbeite ich nicht mehr in Schichten. Ich habe vor Jahren mal damit angefangen. Es hat sich aber gezeigt, dass die Schichtarbeit beim Stillberater nicht so gut ist, weil praktisch meine Beratung sich wie ein roter Faden durch den ganzen Tag ziehen soll. Und damit ist so eine konstante Art von Montag bis Freitag eben besser. Ich mache ein bis zwei Wochenenden im Monat und manchmal auch einen Spätdienst, wenn jemand krank wird. Aber ansonsten eigentlich nicht.

SchmaZ-Reporter: Bieten Sie auch Hausbesuche an?
Frau Fessel: Nein, das darf ich auch gar nicht, weil ich vom Klinikum angestellt bin und es auch versicherungstechnisch nicht machbar ist. Da ich nur fünf Stunden am Tag arbeite, würde die Zeit für die Wöchnerinnen hier auf Station verloren gehen. Und eigentlich ist es gerade im Frühwochenbett wichtig, diese Beratung zu stellen, weil sie entscheidend für die weitere Stillbeziehung zwischen Mutter und Kind ist.

SchmaZ-Reporter: Wie viele Beratungen führen Sie durchschnittlich pro Tag durch?
Frau Fessel: Oh, das ist unterschiedlich. An guten Tagen sage ich jetzt mal, wenn die Kinderzahl auf der Station sehr hoch ist, dann habe ich acht bis zehn, manchmal auch mehr Kinder und natürlich die Mütter dazu. Wenn wenig los ist, was aber relativ selten vorkommt, dann habe ich drei bis fünf Beratungen pro Tag. Wir haben 700 Entbindungen in Wernigerode, durchschnittlich 50 pro Monat.

SchmaZ-Reporter: Wird man von den Kollegen unterschützt, wenn man selbst ein Kind bekommt?
Frau Fessel: Ja, auf jeden Fall. Besonders nach meinem zweiten Kind bin ich sehr unterstützt worden.

SchmaZ-Reporter: Gibt es eine Trendwende bezüglich der Säuglingsernährung in den letzten Jahren?
Frau Fessel: Ja, ganz deutlich. Also es gab vor Jahren Studien, die das Stillen so ein bisschen ins negative Licht gezogen haben. Früher wurde das Stillen von Generation zu Generation weitergegeben. Das war zu DDR-Zeiten, durch das frühe Wiederaufnehmen der Berufstätigkeit der Mütter, nicht mehr gegeben. Dementsprechend haben viele heutige Großmütter nicht gestillt und können ihre Erfahrungen an die Töchter nicht weitergeben. Deswegen gibt es jetzt Stillberater. Aber seit einigen Jahren, kommen die Frauen ganz konkret hierher, um Stillen zu wollen. Sie haben praktisch dieses Gesunde, das Natürliche und auch das Bequeme wieder für sich entdeckt. Die meisten Frauen die hier entbinden, wollen stillen. 

SchmaZ-Reporter: Welche Voraussetzung muss man erfüllen, wenn man Ihren Beruf erlernen möchte?
Frau Fessel: Als Erstes braucht man eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem medizinischen Beruf. Das könnte Krankenschwester, Gesundheits- und Krankenpfleger aber auch Medizinisch-technische Angestellte sein. Auch der Beruf des Arztes wäre möglich. Eigentlich alles, was praktisch mit Medizin und mit Pflege zu tun hat. Auch die Ausbildung als Altenpfleger geht. Dann benötigt man eine Fortbildung. Diese geht etwas über ein Jahr. Das sind 90 Stunden Fortbildung zum Thema Stillen. Aber man muss im Vorfeld schon etwa 1000 Stunden in einem Bereich gearbeitet haben, der mit Stillenden zu tun hat. Anschließend folgt ein Praktikum in einem anderen Bereich, in den man ursprünglich arbeitet. Das heißt, ich war eine Woche im Kreißsaal. Das war total schön. Und danach schreibt man eine Facharbeit und legt anschließend das Examen ab (ein internationales Examen d. h., weltweit wird einheitlich fortgebildet und geprüft). Um den Titel IBCLC „Stillberaterin“ zu halten, sammelt man alle fünf Jahre Fortbildungspunkte. Alle zehn Jahre schreibe ich das Examen neu, damit ich eine Stillberaterin/ IBCLC bleiben darf.

SchmaZ-Reporter: Welche Fremdsprache muss man in Ihrem Beruf beherrschen?
Frau Fessel: Alle! Gerade in Bezug auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik könnte man eigentlich jede Sprache hier sprechen. Ja, aber am allerbesten geht wirklich Englisch. Englisch sowie mit Händen und Füßen –  dann funktioniert das.

SchmaZ-Reporter: Lieben sie ihren Beruf?
Frau Fessel: Ja sehr.

SchmaZ-Reporter: Weshalb?
Frau Fessel: Weil selbst die Kollegen sagen: „Sie hat den schönsten Beruf der Welt.“ Der Umgang mit Neugeborenen und ihren Müttern ist sehr schön. Ich habe nicht so viel mit kranken Menschen zu tun, sondern meist mit den schönen Seiten des Lebens.

SchmaZ-Reporter: Was war das schönste Erlebnis?
Frau Fessel: Gesunde Mütter und glückliche Kinder zu sehen. Wenn eine Mama mich dankbar umarmt, weil ich ihr helfen konnte.

SchmaZ-Reporter: Wurden Ihre Kinder auf Ihrer Arbeitsstelle geboren?
Frau Fessel: Ja, das wurden sie.

SchmaZ-Reporter: War das nicht komisch?
Frau Fessel: Ja, im ersten Moment schon. Aber man hat Vertrauen und es ist schön, so liebevoll vertraut umsorgt zu werden.

SchmaZ-Reporter: Gab es auch tragische Vorfälle?
Frau Fessel: Ja, aber nicht in meinem Fachgebiet „Stillen“.

SchmaZ-Reporter: Mussten Sie weinen?
Frau Fessel: Ja. Man sollte eigentlich stark bleiben, aber manchmal geht es nicht.

SchmaZ-Reporter: Finden Sie Ihren Lohn angemessen?
Frau Fessel: Ja, man kann davon gut leben, allgemein hat aber Pflegepersonal viel mehr verdient.

Vielen Dank, dass wir das Interview mit Ihnen führen durften.

Von den Schülerinnen der Klasse 8b der Marianne-Buggenhagen-Schule Darlingerode

 Autorisiert von Frau Fessel am 23.03.2017 | Fotos: Marianne-Buggenhagen-Schule

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