Leben, um zu Sterben

Juliane Dorff, Klasse 9b des Gerhart-Hauptmann-Gymnasiums erzählt die wahre und traurige Geschichte über das Leben und Leiden eines Masttieres.

Tierhaltung – Foto: Juliane Dorff

„Ein leises Rascheln. Pieptöne. Motorengeräusche. Dann Stille. Ein Rattern. Die Futtertröge werden heruntergefahren. Das ist gut, denn ich habe Hunger. Großen Hunger. Eigentlich immer. So wie wir alle hier. Bewegungsfreiheit haben wir nicht. Die meisten bewegen sich gar nicht mehr fort. Viele haben entzündete Füße, da der ganze Boden mit Exkrementen bedeckt ist. Einige Tote liegen herum, platt gedrückt von den anderen. Unsere Körper sind an manchen Stellen kahl, da wir uns gegenseitig die Federn ausrupfen. Wir kennen es nicht anders, als so zu leben. Ich habe Angst, wahnsinnig zu werden, wie schon andere hier. Drei Wochen sind wir jetzt alt. Seit dieser Zeit liegen wir einfach nur herum und fressen – ich und die anderen 29.999.

Neben mir geht die Tür auf. Viele Menschen stehen dort. Das ist anders als sonst. Ich versuche zu fliehen. Doch es ist zu wenig Platz. Ich werde gepackt. Hochgehoben. Und dann kommen Hände. Sie streichen mir über die Flügel. Ich will hier weg! Irgendetwas stimmt nicht. Ich schließe meine Augen und warte zitternd ab. Dann werde ich in einen Karton befördert. Drei weitere kommen dazu. Ich bin nicht mehr allein! Wir haben Angst und wollen wieder raus… zurück zu den anderen…

Wo werden wir hingebracht? Es riecht komisch. Anders. Wir vier verfallen in Panik. Was soll das hier? Der Karton wackelt hin und her. Das mag ich nicht. Dann sitze ich in einem Stall. Hier ist Platz! Ich kann mich bewegen! Und der Boden ist sauber.Wir bekommen eine neue Futtersorte. Erst bin ich skeptisch, die anderen auch. Mit der Zeit gewöhnen wir uns aber an das Neue. Es ist abwechslungsreicher, nicht nur trockene Pellets, sondern frisches, leckeres, grünes Futter.

Tierhaltung – Foto: Juliane Dorff

Eines Tages ist eine Öffnung in der Wand, welche ins Freie führt. Dort ist es hell! Und bunt! Ich sehe Farben und Dinge, die ich noch nie zuvor gesehen habe.
Erst traue ich mich nicht hinaus, aber schließlich laufe ich den anderen nach. Es ist wunderschön dort. Hoffentlich ist das kein Traum. Endlich bekomme ich frische Luft in meine Nase, die von den scharfen Dünsten so lange entzündet war! Ich bin froh, hier zu sein. Es ist alles so anders hier. Aber gut anders. Nun sind wir oft an diesem Ort. Wenn es dunkel wird, müssen wir aber wieder in den Stall.

Mit der Zeit wachsen unsere Federn nach und wir fühlen uns besser. Die Menschen kommen oft zu uns und bringen uns Futter. Ich mag sie. Und ich glaube, sie mögen mich auch. Ich beginne Eier zu legen, die anderen beiden Hennen auch – fast jeden Tag eines. Das freut die Menschen. Besonders mit dem einen Mädchen verstehe ich mich gut. Sie kommt mich oft besuchen und spricht mit mir.

Mit der Zeit nehmen wir immer weiter zu und sind schon bald zu dick für die Hühnerklappe. Das laufen wird immer anstrengender. Die Gelenke schmerzen. Das Atmen wird schwer.Langsam vermute ich, dass sich etwas Übles anbahnt.
Eines Abends kommt das Mädchen zweimal. Doch diesmal ist ihr Strahlen fort. Sie weint. Uns wird etwas passieren. Etwas Schlimmes. Ich weiche vor ihr zurück. Die anderen auch. Nun sieht sie noch trauriger aus. Mit schief gelegtem Kopf sehe ich ihr in die Augen. Und sie ihn meine. Wir verstehen uns auch ohne Worte. Dass dies ein Abschied für immer ist, weiß ich nicht.
Die anderen Familienmitglieder verabschieden sich am nächsten Morgen.
Das kleinste Mädchen schenkt uns Blumen.

Schließlich werden wir in einen Sack gesteckt und … Dunkelheit.“

 

Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Leider konnte ich es nicht schaffen, unsere Hühner ein zweites Mal zu retten. Immerhin lebten sie schöner und dreimal länger als die anderen 29.996 aus ihrem Stall. Masthühner sind für ein langes Leben nämlich nicht geeignet, denn sie haben kein Sättigungsgefühl und bekommen mit der Zeit Probleme mit dem Herz-Kreislauf und den Gelenken.

Während wir unser Leben führen, werden derzeit in Deutschland – auch ganz in unserer Nähe – über 67 Millionen Hühner gemästet. Davon bekommen wir jedoch nicht viel mit. Sie befinden sich in riesigen Hallen, dort gibt es nur Futter- und Getränkeapparate – und natürlich viele Hühner. Etwa 26 Stück auf einem Quadratmeter. Einstreu bekommen sie nur am Anfang der Mast – am Ende ist es nur noch eine dicke und feuchte Schicht von Ausscheidungen. Tageslicht erblicken nur die wenigsten.
Allein 600 Millionen Masthühner wurden in Deutschland im Jahr 2017 geschlachtet.
Davon landeten geschätzt 45 Millionen Hühner – also jedes 13. Huhn – im Hausmüll.
Ich finde es nicht gut, dass viel Fleisch einfach so weggeworfen wird. Die meisten Menschen sehen es nur als das Fleisch, welches aus dem Supermarkt kommt. Aber meine Schwestern und ich haben jetzt realisiert, dass das Fleisch vorher auch gelebt hat – Gefühle, ja sogar eine Persönlichkeit hatte – und man sorgsamer damit umgehen sollte.
Die Schlachtzahlen bei anderen Masttieren, welche ebenfalls unter fragwürdigen Bedingungen gehalten werden, sind ebenfalls hoch. Insgesamt wurden etwa 745 Millionen Tiere geschlachtet, das sind etwa 8,1 Millionen Tonnen Fleisch.

Unsere vier Hühner zu retten, hat zwar nicht die Welt verändert, aber die Welt veränderte sich für sie. Und unsere Welt änderte sich auch. Meine ganze Familie hat sie ins Herz geschlossen und die Schönheit ihres weißen Gefieders verzauberte alle Passanten. Noch heute hoffe ich jedesmal, dass sie gackernd um die Ecke wackeln, wenn ich nach Hause komme und sie in ihrer Sprache begrüße. Vergeblich.

 

Von Juliane Dorff
Klasse: 9b
Gerhart-Hauptmann-Gymnasium Wernigerode

 

Juliane Dorff belegte mit ihrem Artikel den 1. Platz im SchmaZ-Wettbewerb.

 

Quellen:

  • https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/schlachtzahlen-2017
  • Fleischatlas extra: Abfall und Verschwendung: https://www.boell.de/sites/default/files/fleischatlas2014-extra.pdf?dimension1=division_oen