Löwenhaltung: „Man muss vorher definieren, was artgerecht ist!“

Foto: Nele Wiezer

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Ende letzten Jahres bekamen die Löwen im Magdeburger Zoo Zuwachs. Zwei junge afrikanische Löwenwelpen zogen am 14. Dezember 2015 hier ein, nachdem sie ihrem ehemaligen Privathalter zuvor ausgerissen waren. Verständlich, denn ihr vorheriges Zuhause war keinesfalls artgerecht: Sie wurden in Zielitz auf einer Straußenfarm in einem Zimmer des Hauses des Besitzers gehalten, wie in der Volksstimme bereits berichtet wurde. Da so etwas um keinen Preis wieder vorkommen soll, wurde nun ein passender neuer Halter für das Geschwisterpaar gesucht. Einige Interessenten schieden jedoch wegen Mangels an möglicher artgerechter Haltung aus. Dr. Kai Perret, Zoodirektor des Magdeburger Zoos, stimmte einem Interview zu diesem Thema bereitwillig zu und gab ein paar aufschlussreiche Informationen, insbesondere zur artgerechten Haltung von Wildtieren.

Löwen sind zwar Katzen, aber keinesfalls Haustiere. Es gibt zum Glück noch viele von ihnen, sogar Arten, die noch nicht einmal entdeckt wurden. Der Zoodirektor des Magdeburger Zoos, Dr. Kai Perret, erklärt, sie seien in zwei Gruppen und verschiedene Unterarten eingeteilt. Die zwei Gruppen seien der Asiatische und der Afrikanische Löwe. Der Asiatische Löwe komme heute leider nur noch in Indien vor. Der Afrikanische Löwe habe viele verschiedene Unterarten, die bis heute nicht alle geklärt seien. Kürzlich habe man im Grenzgebiet Äthiopien/Sudan Löwen entdeckt, die noch nicht bekannt waren.

Dr. Perret berichtet, dass Löwen unter Artenschutz stünden. Sie seien nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen CITIES (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora) in zwei Klassen eingeteilt. Zum einen seien rund 1.000 Arten gelistet, die akut vom Aussterben bedroht seien. Jeder kommerzielle Handel mit ihnen sei verboten. Hierzu zähle auch der Asiatische Löwe. Zum anderen seien rund 33.000 Arten, die mittelfristig vom Aussterben bedroht seien, gelistet. Für den Handel mit ihnen seien Aus- und Einführungsgenehmigungen sowie der Nachweis über die Unschädlichkeit für den Bestand notwendig. Zu dieser Gruppe gehöre der Afrikanische Löwe.

Foto: Nele Wiezer

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In Ländern, wie z. B. Südafrika würden dennoch oder gerade deswegen Löwen und auch andere Wildtiere gejagt. „In Südafrika gibt es eine sehr gute Wildtierentwicklung.“ – Jedenfalls in den Nationalparks. „Diese schönen Aufnahmen, die man so im Fernsehen sieht, diese offene Savanne – das ist so auch, aber es ist eben alles groß umzäunt“, erklärt Dr. Perret. In diesen Nationalparks müsse der Tierbestand natürlich im Gleichgewicht gehalten werden. Da sich die Tiere so gut vermehrt hätten, sei ein Überfluss entstanden. Man könne aber auch nicht einfach den Zaun öffnen, um den Nationalpark zu vergrößern. Schließlich sei der Mensch schon sehr nah an die Grenzen des Nationalparks herangezogen. Also müsse man daran denken, die Tiere wieder zu reduzieren. Schließlich könne auch ein Nationalpark nur eine bestimmte Anzahl an Tieren vertragen. „Die Südafrikanischen Behörden, in dem Fall auch Wildhüter, schießen zum Teil Tiere. Und sogar nicht einmal wenige“, so Dr. Perret. Sie nähmen also Tiere aus dem Überfluss, der sich entwickelt habe, heraus. Selbst Trophäenjagden seien unter Umständen zum Zweck des gleichmäßigen Tierbestandes gesetzmäßig. Der Trophäenjäger bezahle sogar sehr viel Geld, das wiederum in die Schutzbemühungen oder in die Aktivitäten des Nationalparks fließe. „Es muss aber natürlich auch alles legal sein. Wir hatten ja mal den Fall Cecil – das war nicht in Ordnung. Da sind viele Regeln gebrochen worden. So geht es nicht“, sagt Dr. Perret.

Wildtiere wie Löwen leben aber nicht nur in Afrika und Asien, sondern u. a. auch bei uns in den über 200 Zoos sowie Tier- und Wildparks, die im Verband der Zoologischen Gärten, der Deutschen Tierpark-Gesellschaft und dem Deutschen Wildgehege-Verband organisiert sind. Inwieweit hier eine artgerechte Haltung möglich ist, wird häufig diskutiert.

Insofern ist es naheliegend, dass es Vorschriften für die artgerechte Haltung von Tieren in Zoos gibt. „Es gibt einen Katalog für die sogenannten Mindesthaltungsanforderungen für Säugetiere. Das ist ein relativ junges Gutachten, was aber schon vor 20 Jahren mal auferlegt worden ist. Das ist jetzt nochmal überarbeitet worden, weil die Erkenntnisse mit der Zeit gewachsen sind“, sagt Dr. Perret. Hierbei handele es sich aber eben nur um Mindestanforderungen bei der Säugetierhaltung in Zoos. Was aber genau mit „artgerechter Tierhaltung“ gemeint sei, müsse noch definiert werden. Man könne einem Löwen das Gebiet, das ihm in freier Wildbahn zur Verfügung steht, in einem Zoo niemals bieten. Trotzdem sei es möglich, den Löwen artgerecht zu halten. „Die Haltung von Wildtieren gelingt, wenn die Kenntnisse über ihre Biologie, die damit verbundene Motivation für ihr Verhalten und die in ihnen verwurzelte Flexibilität sowie die damit verbundene Anpassungsfähigkeit beachtet werden“, schrieb Dr. Perret in den FELIS-News, Ausgabe 9/2015. In diesem Sinne würden die Tiere im Magdeburger Zoo geistig und körperlich fit gehalten. Sie können all ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben, z. B. sich fortpflanzen, für ihr Futter arbeiten und sich bewegen, klettern etc. Hinsichtlich der Gehegegrößen dürfe die Mindestanzahl an Quadratmetern nicht unterschritten werden. „Das ist ganz klar. Aber größer geht immer! Bei uns liegt die Größe des Raums, der den Tieren zur Verfügung steht, grundsätzlich weit über den Mindestanforderungen“, so Dr. Perret. Insofern sei die artgerechte Haltung der Tiere im Magdeburger Zoo auf jeden Fall gesichert.

Dies ist auch wichtig, denn die Tiere könnten erkranken, wenn sie nicht artgerecht gehalten werden würden. Eine weitere mögliche Reaktion sei das „Überschwungsverhalten“, eine sogenannte Stereotypie, bei der die Tiere einen übermäßigen Bewegungsdrang verspüren. Eine Regel zur Beeinträchtigung des Verhaltens unter den genannten Umständen ließe sich jedoch nicht ableiten, da jedes Tier, so auch jeder Löwe, wie der Mensch ein Individuum sei.

Die afrikanischen Löwenwelpen konnten nicht dauerhaft im Magdeburger Zoo gehalten werden, da Löwen Reviertiere seien und das im Zoo ansässige weiße Löwenpaar würde das eigene Revier verteidigen. „Wer dort den Kürzeren zieht, ist dann, glaube ich, heute auch schon klar.“ Trotzdem sei es theoretisch möglich, dass sich verschiedene Unterarten von Löwen in freier Wildbahn paaren könnten.

Die Löwenwelpen hatten sich gut im Magdeburger Zoo eingelebt. „Da sie zeitig von der Mutter getrennt wurden, ernährten sie sich schon früh nur von Fleisch, was zu Calciummangel führen könnte. Dem wird aber durch Präparate in der Nahrung der Jungtiere vorgebeugt und die Welpen befinden sich in einem gesundheitlich guten Zustand“, sagt Dr. Perret.

Geplant war von Anfang an, die Löwenwelpen als Geschwisterpaar zusammen abzugeben. „Ob dann der neue Halter sagt: ‚Ich halte sie weiterhin zusammen‘, würde ich insofern erstmal bezweifeln, wenn man nicht entweder den Kater kastriert oder die Katze sterilisiert. Das ist aber die Entscheidung des neuen Halters“, so Dr. Kai Perret.

Die Möglichkeit, die Wildtiere an ein Zirkusunternehmen abzugeben, bestand trotz der Legalität in Deutschland aus Sicht des Zoodirektors nicht. Es gebe Bestrebungen innerhalb Europas, dass die Zirkusse ihre Wildtiere, insbesondere Großkatzen wie Löwen und Tiger abgeben müssten. In Holland, Belgien und England sei das Halten von Wildtieren in Zirkussen schon verboten. Bereits bei dem Interview gab es einen Favoriten für einen neuen Halter der Löwenwelpen. „Wir haben jetzt Kontakt mit einer Auffangstation in Spanien, die sich auf Raubtiere spezialisiert hat“, so Dr. Perret.

Foto: Nele Wiezer

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Zwischenzeitlich wurden die beiden Löwenwelpen nach Spanien zu ihrem neuen Halter gebracht. Damit sind die Verhandlungen zur Übergabe der Löwen an den favorisierten Halter geglückt. Wir hoffen, dass es ihnen dort gutgeht und wünschen ihnen alles Gute. Vielleicht sehen wir sie ja mal wieder oder erfahren zumindest, wie es ihnen in ihrem neuen Zuhause geht.

Von Neele Wiezer, Klasse 8/5, Geschwister-Scholl-Gymnasium Magdeburg