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Mein erster globaler Klimastreik – Erfahrungsbericht von der anderen Seite

Es ist Freitag. Normal, für alle anderen. Ich bin müde, weil ich die letzten Tage wenig geschlafen habe. War zu aufgeregt. Während des Frühstücks checke ich meine Nachrichten, beäuge meinen Feed von den sozialen Medien. Danach noch schnell Vokabeln abschreiben. Meine Hände tun weh. Wovon wohl? Ich bin aufgeregt. An diesem Tag mache ich kaum mehr Schulaufgaben, als 30 Vokabeln abzuschreiben. Ich streike.

Um halb elf fahre ich los, mit dem Rad. Mein Drahtesel trägt mich durch das Viertel, in dem ich am gestrigen Tag Türanhänger verteilt habe. Die Aussage: „Komm mit zum 7. globalen Klimastreik!“, „Für #1Komma5 Grad, für #NoMoreEmptyPromisses!“. Jedes Mal, wenn ich aufs Handy schaue, fliegen mir diese Begriffe um die Ohren. Fossile Brennstoffe, Kohleaustieg, Energiewende, Verkehrswende, Rassismus, Klimawandel, soziale Gerechtigkeit. Klimagerechtigkeit. Klima. Sie sind in meinem Feed auf Instagram, in meinen Vorschlägen von YouTube. In meinem Internet.

Ist es schlimm? Ich glaube nicht. Ist es ungesund? Sehr, sehr wahrscheinlich, und definitiv stressig. Ein Problem von vielen Aktivist_innen.
Ende des letzten Sommers habe ich eine Doku gesehen. „Aufschrei der Jugend – Generation Fridays For Future“. Insgesamt habe ich sie acht Mal gesehen. Kurz danach fange ich an, alles zu vergessen, was ich über den Klimawandel zu wissen glaubte. Danach folge ich auf Instagram „FridaysForFuture.de“ und FFF Sachsen-Anhalt. Mein Suchverlauf auf YouTube verändert sich von „Blaufuchs Skyrim“ zu „Fridays For Future“ zu „Greta Thunberg“ und vielem Weiterem, das man der „Klima-Szene“ zuschreiben kann. Wo hat mich das alles hingebracht? Genau hierhin, an einem bedeckten Tag an den Hasselbachplatz um 10:45 Uhr.

Ich bin eine Viertelstunde zu früh dran. Allerdings muss ich nicht alleine warten, sondern unterhalte mich mit zwei anderen Mitaktivist_innen. Ich rede das erste Mal mit Nele und Franka, nicht über den globalen Klimastreik am 19.03. Wir reden das erste Mal über etwas, was nichts mit dem Freitag zu tun hat und es ist befreiend. Es sind nur zwei Menschen von 10 bis 15 Personen, denen ich in der letzten Woche geholfen habe, diesen Streik in Magdeburg zu organisieren. Über die Hälfte der Leute sind älter oder gerade 18 Jahre alt. Nun kann ich Burkard total verstehen, der mir sagte: „Letzten Sommer hatten wir richtig Probleme Streiks zu organisieren. Wir waren zu zweit oder dritt und haben die Fahne für Fridays For Future hochgehalten oder uns zumindest darum bemüht.“ Es hatte mich damals schockiert. Aber heute denke ich „Ja, natürlich. Es ist schwer, Jugendliche dazu zu bringen sich zu engagieren. Gerade weil es leichter ist, YouTube zu schauen und die Welt weg zu schalten“. Ich rede mit Nele und es hilft mir, meine Nervosität zu überwinden. Es hat lange gedauert, bis ich mich überhaupt über Instagram bei FFF Magdeburg melde. Einfach weil ich damals dachte: „Ich muss doch nicht, außerdem gibt es mittlerweile genug Menschen, die aktiv sind. Und außerdem bin ich doch viel zu schüchtern und Reden halten will ich doch auch nicht“.
Wir räumen das Lager aus und beladen zwei Autos, damit transportieren wir Banner, Flaggen, Lautsprecher, Farbe und Pappen. Ich fahre selbst mit dem Fahrrad zum Domplatz. Vorbei an etlichen Polizeiautos, die rund um den Domplatz und den Landtag stehen. Über den gesamten Nachmittag zähle ich über 8 sogenannte „Sixpacks“, und das bei einer Kundgebung von Klimaaktivist_innen. Um halb zwölf sind wir fertig mit dem Ausladen und fangen an aufzubauen. Ich treffe zum ersten Mal richtig die Gesichter hinter den Stimmen und Namen im Chat. Es ist 13.00 Uhr und wir starten den „Artspace“, er besteht aus einem Kreidebild und zwei Tischen für Pappen oder Banner. Ich bin wieder aufgeregter und verstehe erst jetzt richtig, dass eine Demonstration mehr als nur Laufen und Schreien für eine gerechte Klimapolitik ist. Alle sind beim Aufbau beteiligt. Das Kreidebild ist fertig und wartet auf das Vollenden von „Besuchern“. Ich begleite das Sprayen von Pappen, Bannern und Transpis. Wir haben viele Probleme mit dem Wetter. Der Wind weht einmal fast den Infostand weg, der Regen durchnässt alles, der Schnee, welcher zwischendurch vom Himmel fällt, hilft beim Trockenen meines Rucksacks nicht gerade und der Hagel schlägt sich als Muster auf meinem ersten Transpi nieder. Ich treffe hier Chiara. Wir verstehen uns auf Anhieb gut. Noch Tage nach dem Freitag, an dem ich sie kennenlerne, schreiben wir. Am selbigen Freitag sprayen wir zwei Banner und viele Pappen mit vielen Familien zusammen. Vor Ort waren nie mehr als 60 Menschen. Es waren etliche Studenten_innen dort, wenige Schüler_innen, in meinem Alter, und ein paar Familien. Es ist ein großes kreatives Zusammensein. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl fühle ich auch in der Ortsgruppe Magdeburg. Eine feste Hierarchie spüre ich nicht. Es gibt eine feste Organisationsgruppe, die sämtliche Informationen und Aufgaben an verschiedene Arbeitsgruppen verteilt und weitergibt. In diesen AGs wird dann gearbeitet und die Organisationsgruppe bleibt in Kontakt. Einige Menschen machen auch sogenannte „Vernetzung“. Dabei unterscheidet man noch in Delegierte und „normale“ Vernetzung. Ich lerne viel von Tanja und arbeite in der Sachsen-Anhalt Vernetzung. Delegierte arbeiten mit der Bundesebene zusammen und sorgen somit für eine bundesweite Zusammenarbeit. Ich vernetze quasi nur in der lokalen Ebene.
Am 19.03. verbringe ich meinen kompletten Nachmittag auf dem Domplatz mit Chiara, meiner Schwester und sogar einem weiteren Schüler aus meiner Schule. Ich kenne ihn und wir reden ab und an. Uns ist allen klar, dass wir hier nicht die komplette Welt retten, aber es hebt meine Stimmung ungemein mit vielen verschiedenen Menschen bei Musik zu sprayen und zu malen. Wir sprechen über die verschiedenen Gründe, warum wir hier sind.

Ich führe drei Wochen später ein Interview mit Chiara. Ich spüre bei diesem Telefonat, wie wichtig ihr auch der Kampf, der rund um Klimagerechtigkeit stattfindet, ist. Als Beispiel wünscht sie sich „Keinen Rassismus und Sexismus“ für ihre Zukunft, aber auch die Forderungen von Fridays For Future Magdeburg teilt sie. Ich teile sie auch. An meiner Tür hängt ein Schild von diesem Freitag.
„Ich empfinde die Klimakrise als gefährlich und das sie zu wenig Aufmerksamkeit hat bzw. mehr gegen die Krise gemacht werden sollte.“ schreibt sie mir zwei Tage später auf meine Frage „Wie empfindest du die Klimakrise?“. Ich kann ihr nur zustimmen. Diese Krise ist gefährlich.
Ich bin um 19.00 Uhr zu Hause. Hungrig, durstig, müde und erschöpft schließe ich mein Rad in unserem Fahrradraum an. Meine Kleidung trägt genau, wie meine Finger, die Farbe und die Spuren meines ersten richtigen Streikfreitags. Am Abend sehe ich Bilder aus Berlin und denke wieder an all die Worte, die mir nahezu täglich im Kopf herumschwirren. Über das Internet arbeiten etliche Aktivist_innen zusammen. Unter Hashtags und Themenposts verständigen sich Ortsgruppen wie Magdeburg mit anderen. Es ist wie ein großer Messenger. Gerade jetzt zu Corona Zeiten ist es eine gute Alternative zur Verständigung. Das Internet ist noch lange keine gute Lösung für unser Klima, aber ebenso auch eine gute Möglichkeit zur Verständigung.
Wenn mich einer fragen würde was am meisten hilft, würde ich vermutlich antworten: „Wir müssen als Gemeinschaft, als gesamte Menschheit, dieses Problem lösen. Diese Pandemie ist ein gutes Beispiel. Gemeinsam zu reflektieren und zu verändern, würde es vielen Menschen leichter machen.“. Viele Menschen von FFF Magdeburg, welche sich engagieren, leben meist in einem bestimmten Abteil oder einer Nische. Ich glaube meine Nische ist der Kampf gegen Rassismus, welcher wiederum mit Klimagerechtigkeit zusammenhängt. Das Thema fasziniert mich und regt tief traurige Emotionen in mir. Durch all diese Nischen setzt sich ein buntes Bild für eine besser Zukunft zusammen.
Es ist bunt für uns, für alle Menschen, für nachfolgende Generationen und unsere Politik.
„We are unstoppable and our world is possible!“.

Von W. „Rio“ Ruckes
Klasse: 8.3
Werner-von-Siemens-Gymnasium Magdeburg